Chronist der Winde Rezension
7. Mai 2009
Der Chronist der Winde Henning Mankell
Henning Mankells „Der Chronist der Winde“ erschien 1995 im Ordfront Verlag und wurde 2000 von Verena Reichel übersetzt. Es ist ein Roman über das Leben der Straßenkinder in Afrika. Im Mittelpunkt steht dabei Nelio, ein zehnjähriges Straßenkind, der um sein Leben erzählt. Er liegt mit einer Schusswunde auf dem Dach eines afrikanischen Hauses und weiß, dass er sterben wird, sobald seine Geschichte zu Ende ist. Er erzählt, wie die Banditen sein Dorf überfielen, seine Schwester massakrierten und ihn zwingen wollten, seine Verwandten zu töten. Wie er floh, den Weg in die große Stadt fand und Anführer einer Bande von Straßenkindern wurde. Vor allem aber erzählt er vom Leben dieser schwarzen Kinder. Von Mandioca, der Tomaten und Zwiebeln in seinen Taschen wachsen lässt, und von Deolinda, einem Albinomädchen, das die sexuellen Phantasien der Jungen erregt. Vom Geheimnis des Reichtums, einer vertrockneten Eidechse in einem gestohlenen Aktenkoffer und einem nächtlichen Besuch beim Präsidenten. Und vom Paradies, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist und das man dennoch finden kann.
Der Buchrücken verspricht, dass man nach dem Lesen Afrika anders sehen würde. Eine Untertreibung. „Der Chronist der Winde“ lässt einen nicht nur Afrika anders sehen, dieser Roman lässt einen das Leben anders sehen.
Es ist ein leises Buch, das schreckliche Ereignisse und viel Elend schildert – und doch ist es nicht das Elend, das den Roman so bewegend macht. Es ist die Art und Weise wie die Straßenjungen ihr Leben meistern und dabei durch viel Phantasie die schönen Seiten des Lebens kennenlernen können und für sich selbst positive Dinge herausziehen können. Mankell begibt sich damit auf eine Gratwanderung zwischen grausamer Realität und phantasievollem Spiel.
„Man kann fliegen ohne sichtbare Flügel zu haben, dachte Nelio. Die Flügel sind in uns, wenn uns vergönnt ist, sie zu sehen.“ Ein Bekenntnis zur Kraft der Träume. Ein Bekenntnis zu Mut, Hoffnung, Freude.
Wer dieses Buch liest, der wird noch lange von Nelio und seinen Freunden begleitet werden. Mankell erzählt von beeindruckenden Persönlichkeiten, zu denen man schnell eine Beziehung aufgebaut hat. Es bleibt eine fiktive Geschichte, doch Mankell erzählt in „Der Chronist der Winde“ auch die wahre Geschichte seiner Wahlheimat Mosambik, einer Ex-Kolonie, die von Bürgerkriegen, Korruption und sozialen Problemen gezeichnet ist.
Mankell hält keine Moralpredigt und macht keine Vorwürfe. Aber er macht aufmerksam. Aufmerksam auf einen Kontinent, der von Leid, Elend und Ungerechtigkeit regiert wird; der aber seine Entschlossenheit zum Überleben nicht verliert.
Und so bewegt einen Nelios stellvertretende Geschichte. Sie lässt einen weinen vor Trauer, lachen vor Komik, nachdenken vor unglaublicher Weisheit – und vor allem lässt sie eines ganz besonders zurück: einen Eindruck.
Wie man diesen Eindruck am besten in Worte fasst, hat Mankell bereits gesagt: „Dieses Buch wird für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben“.